靜女
Anonymous (Shijing)
靜女其姝,俟我於城隅。
愛而不見,搔首踟蹰。
靜女其孌,貽我彤管。
彤管有煒,說懌女美。
自牧歸荑,洵美且異。
匪女之為美,美人之貽。
Gaben der Liebe Johann Cramer
— in: Cramer, Johann (ed.). Schi-King, oder Chinesische Lieder, gesammelt von Confucius. Neu und frei nach A. La Charme's lateinischer Übersetzung bearbeitet. Fürs deutsche Volk hg. von Johann Cramer, Das himmlische Reich. Oder China's Leben, Denken, Dichten und Geschichte, 4 vols. Crefeld: Verlag der J. H. Funcke'schen Buchhandlung, 1844. p. 34.
Ein rein und feines Mägdelein,
Bestellte an die Thüre mich,
Ich dreh' mich um, und seh' mich um,
Ob Wort sie hält, o zeige dich,
Du bist mein Schatz allein.
Ein sittig zartes Mägdelein
Hat mir ein schönes Band verehrt,
Das Band ist roth, der Rand ist grün,
Wohl prächtig ist's, doch mehr noch ziehn
Mich ihre Zucht und Sitte an.
Gepflückt hat sie die Pflanze Y,
Und frisch bethaut vom Feld gebracht,
Es ist fürwahr ein seltnes Kraut,
Doch war das Liebste mir, daß sie
Mir's in die Hand gab gar so traut.
Das holde Mädchen hieß mich warten Conrad Haußmann (1857–1922)
— in: Haußmann, Conrad. "Im Tau der Orchideen" und andere chinesische Lieder aus drei Jahrtausenden. München: Albert Langen, Verlag für Literatur und Kunst, 1908. p. 7.
Das holde Mädchen hieß mich warten
Und zeigte mir den Platz im Garten.
Da steh' ich nun, mir pocht das Herz,
Mein Auge sucht sie allerwärts.
Ich sah, daß sie wie Purpur glühte,
Sie gab mir eine rote Blüte.
Die ist so hold und – holder doch
Ist meines Mädchens Wange noch.
Sie pflückte Veilchen auf der Wiese,
Und keine sind so schön wie diese.
Und doch trotz aller ihrer Zier,
Sie sind nur schön – weil sie von ihr.
Das Stelldichein Vincenz Hundhausen (1878–1955)
— in: Hundhausen, Vincenz. Chinesische Dichter des dritten bis elften Jahrhunderts. In deutscher Nachdichtung von Vincenz Hundhausen. Eisenach: Erich Röth-Verlag, 1926. p. 114.
— in: Hundhausen, Vincenz. Chinesische Dichter in deutscher Sprache. Peking, Leipzig: Pekinger Verlag, 1926. p. 114.
Hab ein schönes Kind entdeckt,
Das sich vor der Welt versteckt. –
In dem Mauerwinkel hier
Sei sie heut, versprach sie mir.
Ach, ich liebe sie doch so,
Und ich seh sie nirgendwo.
Weiß bekümmert und allein
Nicht mehr aus und nicht mehr ein.
Hab ein schönes Kind entdeckt,
Das sich vor der Welt versteckt. –
Bei dem letzten Stelldichein
Gab sie mir dies Flötelein.
Ist's auch noch so rot und schön,
Kann ich's nur mit Trauer sehn.
Seh das Flötelein, doch nicht
Ihr so rosiges Gedicht.
Hab ein schönes Kind entdeckt,
Das sich vor der Welt versteckt. –
Blumen bracht sie mir vom Feld,
Schönere gibt's nicht auf der Welt.
Ach, ihr Blumen, eure Zier
Liebt ihr euch allein von ihr!
Nur die Hand, die euch gepflückt,
Hat so lieblich euch geschmückt.
— in: Hundhausen, Vincenz. Chinesische Dichter in deutscher Sprache. Peking, Leipzig: Pekinger Verlag, 1926. p. 114.
Liebesgaben Ernst Meier (1813–1866)
— in: Meier, Ernst. Morgenländische Anthologie. Klassische Dichtungen aus der sinesischen, indischen, persischen und hebräischen Literatur. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1875. p. 13.
Wie ist mein Mädchen lieb und hold!
Hat mich bestellt an diesen Ort,
Ins Winkelchen der Mauer da;
Ich harr' auf sie, doch sie bleibt fort,
Wie ich auch späh', bald hier, bald dort.
Wie ist mein Mädchen hold und rein!
Bringt mir ein Angebinde her;
Das Angebind' ist schön und roth;
Doch glänzt und strahlt es noch so sehr,
Des Mädchens Tugend freut mich mehr.
Sie gab ein duftig Veilchen mir,
Das sie im Feld für mich gepflückt;
Kein schöner Blümlein gibt es hier;
Doch hat nur dieß mich dran entzückt,
Daß sie's gegeben und gepflückt.
Lied des Jünglings Carl Friedrich Neumann (1793–1870)
— in: Jolowicz, Heinrich (ed.). Der poetische Orient. Leipzig: Verlag von Otto Wigand, 1853. p. 10.
— in: Scherr, Johannes (ed.). Bildersaal der Weltliteratur. Stuttgart: A. Kröner, 1869. p. 16.
Die keusche Jungfrau, die schöne, erwartet mich an der Ecke des Walles;
Ich liebe sie, ich kann sie nicht sehen und bewege den Kopf hin und her.
Die keusche Jungfrau, die herrliche, beschenkte mich mit einem rothen Rohre;
Das rothe Rohr mag es noch so glänzen, ich liebe nur die schöne Jungfrau.
Heimkehrend vom Schäfer, beschenkt sie mich mit der schönen Pflanze;
Nicht die Pflanze, sondern die schöne, schöne Jungfrau möcht' ich zum Geschenke.
— in: Scherr, Johannes (ed.). Bildersaal der Weltliteratur. Stuttgart: A. Kröner, 1869. p. 16.
Lied eines Jünglings Carl Friedrich Neumann (1793–1870)
— in: Scherr, Johannes (ed.). Bildersaal der Weltliteratur, Band 1. Stuttgart: Gebrüder Kröner, 1885. p. 15.
Die keusche Jungfrau, die schöne, erwartet mich an der Ecke des Walles;
Ich liebe sie, ich kann sie nicht sehen und bewege den Kopf hin und her.
Die keusche Jungfrau, die herrliche, beschenkte mich mit einem rothen Rohre;
Das rothe Rohr mag es noch so glänzen, ich liebe nur die schöne Jungfrau.
Heimkehrend vom Schäfer, beschenkt sie mich mit der schönen Pflanze;
Nicht die Pflanze, sondern die schöne, schöne Jungfrau möcht' ich zum Geschenke.
Liebesgaben Friedrich Rückert (1788–1866)
— in: Rückert, Friedrich. Schi-king. Chinesisches Liederbuch, gesammelt von Confucius, dem Deutschen angeeignet von Friedrich Rückert. Altona: J. F. Hammerich, 1833. p. 54f.
Ein Mädchen fein und säuberlich
Hat an die Pforte mich bestellt;
Nach allen Seiten dreh' ich mich,
Zu sehn, ob sie ihr Wort bald hält.
O komm und zeige dich,
Das Liebste mir auf der Welt!
Ein Mädchen fein von Sitt', und zart,
Hat mir verehrt ein schönes Band;
Das Band ist roth, und grün der Rand,
Ich habe wohl die Pracht gewahrt;
Doch ihre Zucht und Art
Ist was das Herz mir umwand.
Die Pflanze Y hat sie gepflückt,
Gebracht vom Felde frisch bethaut;
Es ist gewiß ein seltnes Kraut,
Doch hat mich nichts daran entzückt,
Als daß so lieb und traut
Sie's an die Hand mir gedrückt.
Die Liebe "Ein schönes, tugendhaftes junges Mädchen" Adolph Schulze
— in: Rheden, Peter (ed.). Chinesisch-deutsche Gedichte. Eine Zusammenstellung aus verschiedenen Quellen. Zweiter Teil: Zweites ausführliches Literaturverzeichnis – Mit Zitaten zu den Kapiteln: Chinesische Poesie, Literatur, Kultur, Gymnasial-Programm-Abhandlung aus dem XXIX. Jahresbericht des f.b. Vinzentinums in Brixen, Südtirol. Brixen: Verlag des f. b. Vinzentinums, 1904. p. 41.
Ein schönes, tugendhaftes junges Mädchen
Hat mir ein Stelldichein gegeben
Am Fuße des Walles.
Ich liebe sie; – aber sie kommt noch nicht.
Ich zögere heimzukehren und bin ungeduldig!
Das junge Mädchen ist wahrhaft schön.
Sie war es, die mir diesen Schmuck gegeben
Von rotem Stein.
Doch dieser Schmuck von rotem Stein, der aufzuflammen scheint,
Erhöht noch meine Liebe.
Sie hat gepflückt und dargeboten
Mir eine seltene, schöne Blume;
Doch was die Blume noch weiter schöner macht,
Ist, daß sie mir von ihr gegeben wurde.
Verfehlte Zusammenkunft Victor von Strauß (1809–1899)
— in: Strauß, Victor von. Schi-king. Das kanonische Liederbuch der Chinesen. Heidelberg: Carl Winter's Universitätsbuchhandlung, 1880. p. 113.
Ein sauberes Mädchen, so schmuck und fein!
Die harrt an der Ecke der Mauer wol mein.
Ich liebe sie, aber ich sehe sie nicht;
Ich kraue den Kopf, steh' betreten allein.
Das saubere Mädchen, so lieblich im Flor,
Die schenkte mir ein rothglänzendes Rohr.
Doch schimmert das röthliche Rohr auch sehr,
Die Schönheit des Mädchen erfreut mich mehr.
Sie hatte mir Knospen vom Felde beschert,
Und traue, die sind schön und bewundrungswerth.
Und doch, ihr selber, ihr seid nicht schön,
Ihr seid's nur, weil euch mir die Schöne verehrt.